Das Abwarten wird zum Risiko
Die Hoffnung auf deutlich tiefere Heizölpreise hat sich bislang nicht erfüllt. Im Gegenteil: Die internationalen Ölmärkte ziehen erneut an. Gleichzeitig steht der Schweizer Markt vor einem logistischen herausfordernden Herbst, der anspruchsvoller werden wird als in normalen Jahren. Wer seinen Bedarf für Herbst und Winter noch nicht gedeckt hat, sollte deshalb nicht mehr nur auf den Preis schauen – sondern zunehmend auch auf die Lieferfähigkeit.
Ölpreise ziehen erneut deutlich an
Die Situation an den internationalen Ölmärkten bleibt hochgradig angespannt. Brent-Rohöl notiert Anfang September wieder über 90 US-Dollar pro Fass. Nach den erneuten militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und Iran ist die geopolitische Risikoprämie zurück im Markt.
Die Strasse von Hormus bleibt dabei der entscheidende Unsicherheitsfaktor. Vor Beginn des Konflikts passierte rund ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung diese strategisch wichtige Meerenge. Die weiterhin stark eingeschränkte Schifffahrt sorgt dafür, dass der Markt auf jede neue Meldung aus der Region empfindlich reagiert. Eine nachhaltige Entspannung ist momentan nicht absehbar. Zwar hat die OPEC+ zusätzliche Fördermengen angekündigt. Entscheidend ist jedoch nicht nur, wie viel Öl theoretisch produziert werden kann, sondern ob diese Mengen tatsächlich zuverlässig auf den Weltmarkt gelangen. Solange wichtige Transportwege eingeschränkt bleiben, dürfte die Risikoprämie im Ölpreis bestehen bleiben.
Für Schweizer Heizölkunden bedeutet das: Auf einen schnellen Rückgang der Preise zu spekulieren, bleibt eine Wette auf eine geopolitische Entspannung, die derzeit niemand seriös prognostizieren kann.
Der Rhein bleibt das Nadelöhr
Der extrem trockene Sommer hat die Situation auf dem Rhein massiv verschärft.
Mittlerweile hat sich die Situation etwas verbessert. Von einer Normalisierung kann jedoch keine Rede sein.
Bei tiefen Pegelständen können Tankschiffe nur einen Bruchteil ihrer normalen Ladung transportieren. Die Folge ist einfach: Für dieselbe Menge Mineralöl werden deutlich mehr Schiffe benötigt.
Das verteuert nicht nur die einzelne Lieferung – es reduziert gleichzeitig die insgesamt verfügbare Transportkapazität.
Die Auswirkungen sind erheblich. Die Frachtraten von Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen Richtung Basel lagen Ende August trotz einer gewissen Entspannung noch bei rund CHF 260 pro Tonne. Anfang Juli waren es lediglich rund CHF 70 pro Tonne.
Damit haben sich die Transportkosten innerhalb weniger Wochen zeitweise vervielfacht.
Für ein Binnenland wie die Schweiz ist diese Entwicklung besonders relevant. Ein erheblicher Teil der Mineralölprodukte gelangt über den Rhein beziehungsweise über die daran angeschlossenen Logistikketten ins Land.
Das eigentliche Problem kommt möglicherweise erst noch
Noch ist die Versorgung in der Schweiz gewährleistet. Auch die Wirtschaftliche Landesversorgung des Bundes bestätigt, dass für September ausreichend Mineralölprodukte vorhanden sind.
Doch genau hier liegt aus unserer Sicht das Risiko für den kommenden Herbst.
Die Nachfrage nach Heizöl war über weite Teile des Sommers ungewöhnlich verhalten. Viele Kunden haben ihre Bestellung hinausgeschoben und auf wieder tiefere Preise gehofft.
Damit ist der Bedarf jedoch nicht verschwunden.
Er wurde lediglich nach hinten verschoben.
Tausende Haushalte, Verwaltungen, Gewerbebetriebe und Unternehmen müssen ihre Tanks vor beziehungsweise während der Heizperiode trotzdem auffüllen.
Wenn diese aufgeschobene Nachfrage im September, Oktober und November gleichzeitig auf den Markt trifft, steigt der Druck auf eine Logistik, die bereits heute unter erschwerten Bedingungen arbeitet.
Und Transportkapazität lässt sich nicht beliebig vervielfachen.
Mehr Lastwagen, mehr Bahnkapazitäten und zusätzliche Rheinschiffe stehen nicht kurzfristig unbegrenzt zur Verfügung. Gleichzeitig konkurrieren Heizöl, Diesel, Benzin und andere Güter um dieselben Transportwege.
Aus einem Preisproblem kann deshalb sehr schnell ein Terminproblem werden.
Nicht die Verfügbarkeit des Öls – sondern die Verfügbarkeit der Logistik
Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Wir erwarten aktuell keinen generellen Mangel an Heizöl in der Schweiz. Die Versorgung ist grundsätzlich sichergestellt und im Ernstfall verfügt die Schweiz zusätzlich über Pflichtlager.
Für den einzelnen Kunden ist jedoch eine andere Frage entscheidend:
Kann die gewünschte Menge zum gewünschten Zeitpunkt geliefert werden?
Genau hier dürfte das Risiko in den kommenden Wochen zunehmen.
Wenn gleichzeitig die Heizsaison beginnt, die Nachfrage zurückkehrt und die Transportkapazitäten angespannt bleiben, können längere Lieferfristen entstehen. Gleichzeitig können hohe Rheinfrachten einen möglichen Rückgang an der Börse teilweise kompensieren.
Selbst fallende Rohölpreise müssen deshalb nicht automatisch zu entsprechend tieferen Schweizer Heizölpreisen führen.
Unsere Einschätzung: Jetzt Versorgungssicherheit priorisieren
Die vergangenen Monate waren von Abwarten geprägt. Diese Strategie war nachvollziehbar: Die Preise waren hoch und die Hoffnung auf eine Entspannung entsprechend gross.
Mit Blick auf den Herbst verändert sich jedoch das Verhältnis zwischen Chance und Risiko.
Natürlich können die Börsen wieder fallen. Eine politische Entspannung im Nahen Osten könnte jederzeit zu deutlichen Preisabschlägen führen.
Genauso schnell kann eine weitere Eskalation Brent und Gasoil aber wieder nach oben treiben.
Hinzu kommt ein Faktor, der sich nicht über Nacht lösen lässt: die Logistik.
Deshalb lautet unsere Empfehlung für Kunden mit absehbarem Bedarf klar:
Wer für Herbst und Winter noch grössere Mengen Heizöl benötigt, sollte die Beschaffung jetzt aktiv angehen und nicht bis zum ersten Kälteeinbruch warten.
Es geht dabei nicht darum, den perfekten Tiefstpreis zu erwischen.
Es geht darum, Preisrisiko und Lieferrisiko gegeneinander abzuwägen.
Nach einem Sommer des Abwartens könnte im Herbst genau jene Situation entstehen, vor der wir seit Monaten warnen: Viele Kunden müssen gleichzeitig kaufen – während die verfügbare Logistik bereits eingeschränkt und teuer ist.
Wer ausreichend Tankkapazität hat und seinen Bedarf für die kommenden Monate kennt, sollte deshalb nicht ausschliesslich auf einen günstigeren Börsenkurs spekulieren.
Denn im kommenden Herbst könnte nicht derjenige im Vorteil sein, der den letzten Franken beim Einkauf herausgeholt hat – sondern derjenige, der seine Versorgung rechtzeitig organisiert hat.
Börsendaten 1.9.2026 um 08:45 Uhr
ICE-Gasoil SEP: 1336.00$
ICE-Brent NOV: 91.15$
NY-Rohöl WTI OKT: 86.48$
US-Dollar/CHF: 0.8097
Rheinfracht nach Basel: 125.00